Prof. Dr. Wolfgang Herbst (1933–2026)

Prof. Dr. Wolfgang Herbst, Kirchenmusiker, Theologe, Liturgiewissenschaftler und Ehrenmitglied der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft, ist am 8. Juni 2026 im Alter von 93 Jahren in Heidelberg verstorben.

1933 in Chemnitz geboren, studierte Wolfgang Herbst zunächst Theologie in Leipzig, Heidelberg und Erlangen, wo er 1958 im Fach Kirchengeschichte zum Dr. theol. promoviert wurde. Seine Dissertation erschien 1960 unter dem Titel Johann Sebastian Bach und die lutherische Mystik. Seine hier schon deutlichen Neigungen zur Kirchenmusik führten folgerichtig zum Studium des Faches der Staatlichen Hochschule für Musik in Frankfurt/Main an (sein Orgellehrer war kein Geringerer als Helmut Walcha). Nach Kantoren- und Organistenstellen in Frankfurt/Main (1956–1961) und Bremen (1961–1967) wurde Herbst Domkantor in Braunschweig (1968–1975) und von 1976–1998 Professor für künstlerisches Orgelspiel und Liturgik an der von ihm als Rektor geleiteten Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg.

Herbsts Interessen für Theologie und Musik spiegeln sich in zahlreichen Publikationen, vor allem zur Liturgiegeschichte und Hymnologie. Als Herausgeber von Standardwerken wie einer Quellensammlung zur Geschichte des ev. Gottesdienstes oder eines Sammelbands zu Komponisten und Liederdichtern des ev. Gesangbuchs, aber auch als unermüdlicher Autor im Rahmen der Liederkunde zum ev. Gesangbuch erreichte Herbst einen weiten Leserkreis. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war die Aufarbeitung der Geschichte der Kirchenmusik während der Zeit des Nationalsozialismus, nicht zuletzt der politischen Verstrickungen ihrer Protagonisten und deren Rolle in der Nachkriegszeit.

In die Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft trat Wolfgang Herbst 1978 ein. Schon ein Jahr später wurde er in den Beirat gewählt. Seither war er 30 Jahre lang, bis 2009, in den Leitungsgremien der Gesellschaft aktiv. 1997 wählte ihn die Mitgliederversammlung zum Präsidenten: ein Amt, das er bis 2003 innehatte. 2012 wurde er für seine großen Verdienste zum Ehrenmitglied der Gesellschaft ernannt.

Die Arbeit der Schütz-Gesellschaft hat Wolfgang Herbst nicht nur als Organisator sowie theologischer bzw. kirchenmusikalischer Ratgeber maßgeblich gefördert, sondern auch durch Vorträge, in denen er über hymnologische Fragen (zum Dresdner Hofgesangbuch 1694, veröffentlicht im Schütz-Jb. 2001), vor allem aber über die Verquickung von Theologie, Kirchenmusik und Politik nachdachte, und dies in ganz unterschiedlichen Kontexten: Luthers theologische Weltanschauung (Schütz-Jb. 2013), die Jahrhundertfeier der Reformation 1617 (1996), der Westfälische Friede 1648 (1999) und die Legendenbildung um Hugo Distler in der NS-Zeit (2009).

Die Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft wird Wolfgang Herbst nicht vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Prof. Dr. Walter Werbeck